Pankow Diplom-Kommunikationsdesignerin (FH). Schreibt über Pankow. Schaut Fußball in Köpenick. Fotografiert in allen Lebenslagen.
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Pankow Diplom-Kommunikationsdesignerin (FH). Schreibt über Pankow. Schaut Fußball in Köpenick. Fotografiert in allen Lebenslagen.
Abfallvermeidung, Kulturentwicklung und Kreativitätsförderung – der Verein Kunst-Stoffe bringt zusammen, was zusammen gehört.
Meine Großmutter befand eines Tages,
sie wolle und werde nicht mehr sticken. Kreuzstich, Steppstich,
Kettenstich – alles viel zu mühsam. Ihre vier Enkelkinder,
darunter ich, wussten, wir würden gar nicht erst damit anfangen.
Vorstich, Perlstich, Plattstich – warum sollten wir uns damit
abmühen?
Übrig blieben unzählige Nadeln, Garne aller Farben und beträchtliche Mengen Stoff. Die hatten gerade noch Geld gekostet und waren nun plötzlich etwas, das übrig ist. Das keiner haben will. Mit einem Wort: Müll. Müll gehört weggeworfen, und genau das taten wir.
Am U-Bahnhof Pankow, hinter einem verwilderten Garten, versteckt sich eine Villa, die genau das beherbergt, was uns damals fehlte. Eine Sammelstelle für Dinge, an denen nichts auszusetzen ist. Außer, dass sie eben in den falschen Händen sind. Hier hat der Verein KUNST-STOFFE - Zentralstelle für wiederverwendbare Materialien seit 2011 ein neues Zuhause gefunden.
Zur falschen Zeit am falschen Ort
Judith Jacob, Projektkoordinatorin und Pressesprecherin des
Vereins, führt mich zunächst durch das Materiallager. Wir
beginnen
bei den Nähsachen. In den Regalen liegen große Stoffballen und
kleine Stoffreste. Die Garne sind griffbereit auf Spulen
gesteckt.
Ich sehe ein Glas mit Stricknadeln. In der Mitte des Raums steht
ein
großer Zuschneidetisch.
Ich erzähle die Geschichte von der
Stickerei meiner Großmutter, und Judith Jacob nickt
bestätigend.
Sie hört das nicht zum ersten Mal. "Was ist denn Müll? Im
Endeffekt ist Müll etwas, das zur falschen Zeit am falschen Ort
ist.
Wir sind die Schnittstelle und versuchen das zu überbrücken."
Die Künstlerin Corinna Vosse hat die Idee dazu von ihrem Studienaufenthalt in New York mitgebracht. Dort gibt es seit den Siebziger Jahren "Materials for the Arts". Warum es das hier nicht gebe, in Berlin, fragte sie sich und etablierte zusammen mit Frauke Hehl im Jahr 2006 ein Modellprojekt für Deutschland.
Eine bunte Sammlung
Die Materialien, die hier in Pankow
gesammelt werden, stammen aus Privathaushalten, aus dem
Einzelhandel,
aus der Industrie, von Theatern. Vor allem die älteren Leute,
erklärt Judith Jacob, haben ein Bewusstsein dafür. "Die
werfen ungern weg." Neben Stoffen und Nähutensilien werden
Schaumstoff, Styropor, Planen, Plexiglas, Metallreste, Naturholz,
Dekomaterial und Bastelsachen gesammelt. Gelegentlich findet
sich
Überraschendes an. Paraffinblöcke, Drainagerohre, Papprollen.
Ein
festes Sortiment führt Kunst-Stoffe nicht. Es gibt, was es gibt.
Man
muss hingehen, sehen, anfassen. Die Nachfrage per E-Mail oder
Telefon
lohnt sich für die, die etwas Bestimmtes benötigen. Kunst-Stoffe
e.V kann gezielt suchen und sammeln. "Es geht um Materialien,
die man weiter verwenden kann, wieder verwenden kann, umnutzen
kann."
Mein Blick fällt auf eine Kiste mit Korkverschlüssen. In
Gedanken
bastele ich eine Pinnwand daraus.
Die meisten Dinge aus dem
Lager
kann man für einen Bruchteil ihres üblichen Preises kaufen.
Manches
wird auch verliehen. "Wir haben Bühnenbilder hier, oder große
Holzteile, die nur für eine bestimmte Produktion gebraucht
werden."
Ebenfalls verliehen werden die Lastenfahrräder, falls der Einkauf
größer
ausfällt oder der Umzug kleiner.
Werkstätten und Bildungsangebote
Gebrauchsfähige Materialien zu
sammeln ist der Anfang allen Recyclings. Kunst-Stoffe e.V. geht noch
einen
Schritt weiter. In den hauseigenen Werkstätten kann man mit oder
ohne
Anleitung neu bauen, umbauen und reparieren. Für Schulklassen
und
Kindergartengruppen, aber auch für Erwachsene, werden Workshops angeboten. Judith Jacobs liebstes Stück ist beispielsweise eine Gitarre, die aus einem
Spülmittelkanister entstanden ist. Mir gefällt die Geldbörse,
die
gerade noch ein TetraPak war, sehr.
Die Gruppen können die Stadt
der
Zukunft entwerfen, in der Holzwerkstatt arbeiten oder Mosaike
kleben.
Nebenbei rückt nicht nur den Kindern ins Bewusstsein, wie viel
wir
täglich von dem produzieren, was wir für Müll halten und
wegwerfen. Darüber hinaus lädt Kunst-Stoffe e.V. jedes
Jahr
Künstler ein, die thematisch mit dem Konzept der Wieder- und
Weiterverwendung verbunden sind.
Verkaufsoffener Sonntag und Schenkflohmarkt
Wer sich die Kunst-Stoffe einmal
ansehen möchte, kann das beispielsweise am kommenden Sonntag,
dem
24. Februar 2013 tun. Es ist nicht nur das Materiallager
geöffnet, es
findet zugleich auch der Pankower Schenkflohmarkt statt.
KUNST-STOFFE – Zentralstelle für
wiederverwendbare Materialien e.V.
Berliner Str. 17