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Stefanie Fiebrig |25 Beiträge veröffentlicht

Pankow Diplom-Kommunikationsdesignerin (FH). Schreibt über Pankow. Schaut Fußball in Köpenick. Fotografiert in allen Lebenslagen.

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22.02.2013
Recycling

Was ist eigentlich Müll?

Abfallvermeidung, Kulturentwicklung und Kreativitätsförderung – der Verein Kunst-Stoffe bringt zusammen, was zusammen gehört.

Von Stefanie Fiebrig

Foto: Stefanie Fiebrig
Judith Jacob zeigt einen Schülerentwurf aus der Reihe
Judith Jacob zeigt einen Schülerentwurf aus der Reihe "Stadt der Zukunft"

Meine Großmutter befand eines Tages, sie wolle und werde nicht mehr sticken. Kreuzstich, Steppstich, Kettenstich – alles viel zu mühsam. Ihre vier Enkelkinder, darunter ich, wussten, wir würden gar nicht erst damit anfangen. Vorstich, Perlstich, Plattstich – warum sollten wir uns damit abmühen?


Übrig blieben unzählige Nadeln, Garne aller Farben und beträchtliche Mengen Stoff. Die hatten gerade noch Geld gekostet und waren nun plötzlich etwas, das übrig ist. Das keiner haben will. Mit einem Wort: Müll. Müll gehört weggeworfen, und genau das taten wir.


Am U-Bahnhof Pankow, hinter einem verwilderten Garten, versteckt sich eine Villa, die genau das beherbergt, was uns damals fehlte. Eine Sammelstelle für Dinge, an denen nichts auszusetzen ist. Außer, dass sie eben in den falschen Händen sind. Hier hat der Verein KUNST-STOFFE - Zentralstelle für wiederverwendbare Materialien seit 2011 ein neues Zuhause gefunden.


Zur falschen Zeit am falschen Ort


Judith Jacob, Projektkoordinatorin und Pressesprecherin des Vereins, führt mich zunächst durch das Materiallager. Wir beginnen bei den Nähsachen. In den Regalen liegen große Stoffballen und kleine Stoffreste. Die Garne sind griffbereit auf Spulen gesteckt. Ich sehe ein Glas mit Stricknadeln. In der Mitte des Raums steht ein großer Zuschneidetisch.


Ich erzähle die Geschichte von der Stickerei meiner Großmutter, und Judith Jacob nickt bestätigend. Sie hört das nicht zum ersten Mal. "Was ist denn Müll? Im Endeffekt ist Müll etwas, das zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Wir sind die Schnittstelle und versuchen das zu überbrücken."


Die Künstlerin Corinna Vosse hat die Idee dazu von ihrem Studienaufenthalt in New York mitgebracht. Dort gibt es seit den Siebziger Jahren "Materials for the Arts". Warum es das hier nicht gebe, in Berlin, fragte sie sich und etablierte zusammen mit Frauke Hehl im Jahr 2006 ein Modellprojekt für Deutschland.


Eine bunte Sammlung


Die Materialien, die hier in Pankow gesammelt werden, stammen aus Privathaushalten, aus dem Einzelhandel, aus der Industrie, von Theatern. Vor allem die älteren Leute, erklärt Judith Jacob, haben ein Bewusstsein dafür. "Die werfen ungern weg." Neben Stoffen und Nähutensilien werden Schaumstoff, Styropor, Planen, Plexiglas, Metallreste, Naturholz, Dekomaterial und Bastelsachen gesammelt. Gelegentlich findet sich Überraschendes an. Paraffinblöcke, Drainagerohre, Papprollen.


Ein festes Sortiment führt Kunst-Stoffe nicht. Es gibt, was es gibt. Man muss hingehen, sehen, anfassen. Die Nachfrage per E-Mail oder Telefon lohnt sich für die, die etwas Bestimmtes benötigen. Kunst-Stoffe e.V kann gezielt suchen und sammeln. "Es geht um Materialien, die man weiter verwenden kann, wieder verwenden kann, umnutzen kann." Mein Blick fällt auf eine Kiste mit Korkverschlüssen. In Gedanken bastele ich eine Pinnwand daraus.


Die meisten Dinge aus dem Lager kann man für einen Bruchteil ihres üblichen Preises kaufen. Manches wird auch verliehen. "Wir haben Bühnenbilder hier, oder große Holzteile, die nur für eine bestimmte Produktion gebraucht werden." Ebenfalls verliehen werden die Lastenfahrräder, falls der Einkauf größer ausfällt oder der Umzug kleiner.


Werkstätten und Bildungsangebote


Gebrauchsfähige Materialien zu sammeln ist der Anfang allen Recyclings. Kunst-Stoffe e.V. geht noch einen Schritt weiter. In den hauseigenen Werkstätten kann man mit oder ohne Anleitung neu bauen, umbauen und reparieren. Für Schulklassen und Kindergartengruppen, aber auch für Erwachsene, werden Workshops angeboten. Judith Jacobs liebstes Stück ist beispielsweise eine Gitarre, die aus einem Spülmittelkanister entstanden ist. Mir gefällt die Geldbörse, die gerade noch ein TetraPak war, sehr.


Die Gruppen können die Stadt der Zukunft entwerfen, in der Holzwerkstatt arbeiten oder Mosaike kleben. Nebenbei rückt nicht nur den Kindern ins Bewusstsein, wie viel wir täglich von dem produzieren, was wir für Müll halten und wegwerfen. Darüber hinaus lädt Kunst-Stoffe e.V. jedes Jahr Künstler ein, die thematisch mit dem Konzept der Wieder- und Weiterverwendung verbunden sind.


Verkaufsoffener Sonntag und Schenkflohmarkt


Wer sich die Kunst-Stoffe einmal ansehen möchte, kann das beispielsweise am kommenden Sonntag, dem 24. Februar 2013 tun. Es ist nicht nur das Materiallager geöffnet, es findet zugleich auch der Pankower Schenkflohmarkt statt.


KUNST-STOFFE – Zentralstelle für wiederverwendbare Materialien e.V.
Berliner Str. 17

13189 Berlin
24.2.2013, 16–18 Uhr Flohmarkt                     
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